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Antifeministische Frauenrechtlerinnen? Frauen bei den „Identitären“

Frauen bei den „Identitären“ haben dieselben ideologischen Überzeugungen wie ihre „Kameraden“. Sie agitieren gegen dieselben GegnerInnen –  anhand jener Mittel, wie sie die IB zur Verfügung stellt. Dazu zählen Straßen- und Internetaktivismus und Medienarbeit ebenso wie Gewalt.

Damit Rassismus, Anti-Liberalismus und Anti-Feminismus legitim erscheinen, spalten Identitäre Personengruppen schlichtweg in „gut“ und „böse“ – und feiern sich selbst als die heroischen Abendland-VerteidigerInnen.

Spaltung als Strategie: Gute Männer, böse Männer – gute Frauen, böse Frauen

Wenn es um Gewalt an Frauen geht, wenn es um sexuelle Gewalt geht, ist aggressive Männlichkeit das Problem. Die Täter kommen vor allem aus dem sozialen Nahraum von Betroffenen, es sind die eigenen Partner, Ex-Partner, es sind Männer aus dem Familien- oder Freundeskreis.

Diese Fakten klammert die IB (für: „Identitäre Bewegung“) bewusst aus. Die IB spaltet in gute und böse Männer, wobei die Männer in den eigenen Reihen, die „weißen Männer“, stets zu den „Guten“ gehören. Böse und gefährlich sind nur die „anderen“, die „fremden“ Männer – männliche Flüchtlinge, junge Migranten, muslimische Männer im Allgemeinen. Es gibt für die Frauen in der IB kein Männlichkeitsproblem, es gibt ein „Fremdenproblem“. Gewalt an Frauen wollen sie nur rassistisch deuten. Das hat man auch im Rahmen der #120db-Agitation gemerkt: Vermeintlich in Schutz genommen werden nur jene Frauen, bei denen der Täter als „fremd“ markiert werden kann. Die Erzählung: diese Frauen werden nicht gehört, werden unsichtbar gemacht. Dabei ist es gerade die IB, die eine Vielzahl von Frauen und Tätern ausklammert, wenn diese nicht ins Bild passen.

„Richtige“ Opfer – „falsche“ Opfer

Wenn sich die IB zum Thema sexuelle Gewalt zu Wort meldet, dann sind „Definitionsmacht“,„Betroffenenschutz“ oder „Solidarität“ keine Konzepte, die für sie relevant sind. Sie spalten auch bei Opfern von Übergriffen in richtige wie falsche Opfer.

So sind Frauen, die sich unter #MeToo zu Wort gemeldet und von Erlebnissen berichtet haben, falsche Opfer – sofern das Täterbild nicht ins Konzept der Identitären passt.

Werden weiße, angesehene Männer beschuldigt, wird der Opferstatus aberkannt – dann wollen sich Frauen nur ‚wichtig machen’, ‚haben keine anderen Probleme’, ‚lenken von den viel ärgeren Tätern ab’.

Selektiv wird nur jenen Frauen Glauben geschenkt, bei denen der Täter als „fremd“ kategorisiert wird. Diese Beispiele greift die IB heraus und potenziert sie. Ziel ist, die Wahrnehmung und das Gerechtigkeitsempfinden zu verzerren.

Frauenrechte: als Schlagwort, gern! Doch Feminismus bleibt Feindkonzept

Feministinnen sind Gegnerinnen, weil sie den weiblichen Körper in den Augen der IB „falsch“ politisieren. Feministinnen geht es um individuelle Rechte von Frauen, um den Kampf gegen Diskriminierung, sie prangern Ungerechtigkeit an ohne dass es dabei um die „Nation“ als zentrale Kategorie geht.

Feministinnen geht es um alle Frauen, unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Religion oder Klasse und adressiert alle Männer – ebenso unabhängig von Herkunft, Religion und Klasse als (potenziell) privilegiert und – in Fragen von Gewalt – als (potenzielle) Täter.

Doch für die IB, wie für alle Rechtsextreme, steht die Nation, steht das Volk im Zentrum jeder Analyse. Hinzu kommt die Mär der Bedrohung durch den „Bevölkerungsaustausch“. In diesem „Abwehrkampf“ vor genau dieser „Gefahr“ kommt Frauen eine relevante Rolle zu. Denn ihre Aufgabe im Kampf gegen die „Demographie-Krise“ ist es, Kinder in die Welt zu setzen. Feministinnen beharren darauf, dass der Körper einer Frau nur dieser Frau selbst gehört. Für Rechtsextreme gehört der Körper einer Frau der Nation – seine Bestimmung wird auf das reduziert, was dem Volks als wesentlich erachtet: Kinder – und zwar „eigene“ – in die Welt zu setzen. Feministinnen können in dieser Logik nur „Verräterinnen“ sein.

 

Wie nützen Frauen der IB?

Frauen als Aktivistinnen nützen der IB. Vor allem jene, die bereits selbst durch Kanäle wie Instagram oder Youtube oder eigene Textblogs über Reichweite verfügen. Wenn sie Kampagnen der IB aufgreifen, auf Demos begleiten oder Kaderfiguren interviewen wirken sie als Multiplikatorinnen.

Doch das allein ist es nicht, das sie interessant macht. Frauen nutzen der IB und ihrer Agitation in verschiedener Weise:

Legitimation von Rassismus:

Identitären agitieren gegen Muslime und Flüchtlinge – so machen es auch die Frauen in ihren Reihen. Relevant ist bei den IB-Frauen jedoch, dass sie die Rolle der potenziell von Gewalt Betroffenen einnehmen.

Die Behauptung der IB, man sei als ganze „Generation“ das „Opfer“ (Opfer der Eliten, Opfer von „Multikulti“ o.Ä.), wird von Frauen verstärkt, weil sie unmittelbar mit ihren Körpern die Projektionsflächen dieser Bedrohungserzählungen sind.

Legitimation von Wehrhaftigkeit:

Die IB stellt sich als wehrhaft dar. Das Angebot für die interessierten Männer ist wohl attraktiv: Sie können als „Abendland-Verteidiger auftreten.

Aber: Es wehren sich auch die vermeintlich Betroffenen, jene, die besonders von der behaupteten pauschalen Gewalt von migrantischen Männern ausgesetzt sind. Es sind Frauen, die gegen Muslime und gegen Flüchtlinge mobil machen. Wenn sie gegen Migranten, gegen Muslime agitieren, soll es wie Notwehr wirken.

Das ist nicht neu. Die IB wendet Retorsion an, stellt sich selbst als bedrohte Minderheit dar, statt als jene Privilegierten der Gesellschaft, die sie eigentlich sind. Rassistisch motivierte Agitation wird in Abwehr und Notwehr umgedeutet.

Legitimation des Antifeminismus:

IB-Aktivistinnen lehnen Feminismus ab – sie sind als ganzes Kollektiv Entlastungszeuginnen. Das hat Gewicht. Es dient der Spaltung.

Wenn Feministinnen im Namen von Frauen etwas kritisieren – beispielsweise einengende Geschlechterrollen, mangelnde politische Repräsentation von Frauen oder ungleiche Verteilung von Arbeit – sind rechtsextreme Frauen diejenigen, die das große „Wir“ aller Frauen zu Fall bringen sollen. Noch dazu betreiben IB-Frauen ein semantisches Verwirrspiel:

  • Sie wollen mit dem Konzept „Feminitiät“ den Feminismus ersetzen. Nur eine „feminine Frau“ ist eine befreite, weil natürlich lebende Frau. Sie verkaufen ein enges Rollenkorsett als Freiheit.
  • Sie definieren den Begriff Gleichberechtigung um, anstatt ihn zu bekämpfen. Gleichtberechtig seien fraen dann, wenn sie ihre natürliche Rolle Mütter annehmen und leben. Denn, so die Erzählung, genau das würde aktuell durch den Feminismus unterbunden. Antifeministische Agitation wird in dieser Logik zum Befreiiungskampf stilisiert.

Ästhetisierung & Sexualisierung von „Widerstand“:

Die IB ist gewalttätig. Es gab mehrmals Übergriffen auf Antifaschistinnen, es wurde von Attacken mit Teleskopschlagstock berichtet; in Wien machte ein Kader von einer Schreckschusspistole Gebrauch, in Lübeck attackierte ein IBler einen Linken mit einem Messer, in Halle wurden Quarzhandschuhe und Messer von der Polizei gesichert.

Diese Berichte und Bilder sind keine, die die IB von sich in den Zeitungen sehen möchte. Die IB will Bilderhoheit. Das gilt auch für Aktionen und Aufmärsche: Männer mit Glatzen und Tattoos bleiben im Hintergrund. Stattdessen halten vor allem Frauen das Fronttransparent. Die Bildpolitik ist für die IB zentral.

Die IB achtet  besonders darauf, wer in der ersten Reihe steht. Die IB agiert in der Logik von Medien und FotografInnen, die ein Titelbild brauchen: Die Frauen in der ersten Reihe machen die Demo „bunter“, „fröhlicher“.

Was gewinnen feminine Frauen durch die IB?

Das Versprechen in einer rechtsextremen Ideologie ist, dass sich das Individuum auf seine vermeintliche Natürlichkeit besinnen kann – sowohl was seine völkische Identität anbelangt als auch seine geschlechtliche. Und beides verhilft dem Individuum, seine Rolle im Großen Ganzen, in der Nation zu finden und frei zu sein.

Aus diesem Grund halten auch Frauen in der IB Femininität so hoch. Was sie dabei ausklammern, ist – ob bewusst oder unbewusst – dass diese Femininität nur in eine Richtung positiv behaftet ist. Nämlich dann, wenn es um Privatheit, Mutterschaft, Fürsorge und dergleichen geht.

Das, was den femininen Frauen in manchen Bereichen als Stärke ausgelegt wird (weil es Männern nützt), wird ihnen in anderen Bereichen zum Vorwurf gemacht.

Ellen Kositza, Autorin für die Sezession im Antaios Verlag, schreibt in „Die Einzelfalle“:

„Ich gestehe Frauen mehr Emotionalität, mehr Weichheit, ja auch größere Beeinflussbarkeit zu. […] Frauen [werden] zu Kippfiguren in puncto Einwanderung.“ (Ellen Kositza, „Die Einzelfalle“)

(Feminine) Frauen sind also auch eine Gefahr für die homogene Volksgemeinschaft, weil sie potenziell MigrantInnen – aus Mitleid – die Türe öffnen.

Jack Donovan, ein US-amerikanische Maskulinist, dessen Buch „Der Weg der Männer“ im Antaios Verlag publiziert worden ist, schwört seine männlichen Leser auf Wehrhaftigkeit und Verrohung ein. Denn Weiblichkeit sei Schwäche. Und darum sind Männer, die auch nur ansatzweiße feminine Züge haben – im Aussehen, im Verhalten, in den Anschauungen – eine Gefahr, weil sie nicht zur Verteidigung und zum Erhalt des „Volkes“ taugen.

Und weil Weiblichkeit mit Schwäche, Familie und Emotionalität verknüpft wird, folgern Rechtsextreme – wie Daniel Friberg, dass Frauen auch nichts in der politischen Sphäre verloren hätten. Damit ist er nicht allein. Männerrechtler bis zu Identitären sind der Ansicht, dass Frauen falsch wählen. Weil sie für „verweichlichte“ Politik stimmen und damit schlussendlich „staatsgefährdend“ sind.

Die Debatte, ob und wie man die politische Entscheidungsfreiheit von Frauen einschränken soll, ist also durchaus im Gange.

Fazit

Schlussendlich sind nur die Frauen, die nichts einfordern, die den Männern nie Konkurrenz werden, die nie über gleich große Handlungsräume wie Männer verfügen und die ihre Existenz dem großen Ganzen, also dem „Volksinteresse“ widmen, diejenigen, die nicht attackiert werden.

Die Frau ist nicht nur als Feministin eine Gefahr für die innere Ordnung. Sondern sie ist schon vorher gefährlich – aufgrund der Zuschreibung von „natürlich weiblichen“ Eigenschaften. Sie machen Frauen zum Einfallstor für das „Fremde“, für den „Feind von Außen“. Auch die „ganz normale, feminine“ Frau wird zur Bedrohung des völkischen Projekts.

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